Requiem Fr Einen Traum

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Alles begann mit der Frage, die sich eigentlich erst am Ende stellt:

Darf man das? Darf man einem Knstler, dessen Werk sich in extremer Form als entgrenzt, egomanisch und echtzeitaffin, kurz: als theatralisch beschreiben lsst, im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig ausstellen, der doch eigentlich alle zwei Jahre der Bildenden Kunst gewidmet ist? So die Kommentare, als die Kommissarin Susanne Gaensheimer im letzten Jahr den Regisseur, Theatermacher, Aktionisten und Performer Christoph Schlingensief auswhlte, um Deutschland in den Giardini zu reprsentieren. Heute stellt sich die Frage anders, angesichts der Tatsache, dass Schlingensief im August 2010 starb: Darf man jemandem, dessen wild wtendes Werk untrennbar mit seiner Person verknpft ist, eine posthume Hommage widmen? Schlielich htte er sich selber fr den Deutschen Pavillon etwas ganz anderes ausgedacht. Etwas, das gem des grundstzlichen knstlerischen Ansatzes Christoph Schlingensiefs den Tod zum Thema hatte und dennoch stets zu platzen schien vor Leben. In seinen Filmen, Opern, Protestaktionen und Bhnenstcken zermalmte er frmlich die deutschen Mythen zwischen gigantischen, jngere Geschichte und neoliberale Zivilisation schonungslos durchpflgenden Rdern, an denen Schlingensief mit voller Kraft bis zu seinem eigenen Ende drehte.

Fr den Pavillon hatte er viele Ideen, doch einen konkreten Plan gab es nicht, weshalb sich Gaensheimer dazu entschied, gemeinsam mit Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz etwas zu tun, das man, nun ja, gerade bei diesem Knstler eben nicht htte tun sollen: ihm ein Requiem ausrichten. Ausgerechnet ihm, dessen Themen Tod und Pathos ihn nun nacheinander eingeholt haben. Denn im Deutschen Pavillon, der mit einer mnemonischen Werkschau gleichsam musealen Einblick in Schlingensiefs Oeuvre gewhren will, herrscht eine gefhlsduselige Kerzenschein-Atmosphre, die den Besucher seltsam unbeteiligt zurcklsst. Und das ausgerechnet an dem Ort, den Schlingensief sicherlich auf berserkerhafte Weise prall mit wenn wohl auch deutlich todgeweihtem Leben gefllt htte. Stattdessen ist nun in der nationalsozialistisch geprgten Architektur des Pavillons, an der sich bisher jeder geladene Knstler abgearbeitet hat, eine Bhne installiert, mit der Schlingensief seine Oberhausener Jugendkirche nachempfunden hat, in der er jahrelang Ministrant war. Eine Installation, die die Kuratorinnen seinem Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir entnommen haben der zweite Teil seiner Krankheitstrilogie, mit der Schlingensief seinem Lungenkrebs ebenso egomanisch wie sthetisch zuleibe rckte. Nun sind oben in dem Einbau bunte Kirchenfenster eingezogen, auf Bnken kann man andchtig in Richtung Altarbhne sinnieren. An den Wnden wimmelt es von 16-mm-Projektionen in schwarzweiem Dokumentarfilm-Duktus, whrend eine Fettecke und ein toter Hase auf Schlingensiefs Joseph Beuys-Verehrung verweisen. Insgesamt raunt und rauscht es also heftig in dem parasakralen Gebilde. Doch vor allem der in der Apsis thronende, traurig leere Plastikstuhl sagt mehr aus als das gesamte Zitatenspektakel: Schlingensief selber fehlt. Ohne ihn wirkt das Arrangement wie eine Ansammlung von Requisiten, die auf den Regieeinsatz warten der aber im Pavillon zwangslufig ausbleibt. Dabei war gerade Schlingensief keiner, der sich von seinem Werk zurckzog, sondern als Autor stets auch Erzhler, Dirigent und Darsteller, Mythenschredderer und sein eigener Mythos zugleich. Ihm im Pavillon einen Reliquienschrein einzurichten, in dem ein paar Devotionalien vor sich hinflimmern - so liebevoll sie auch ausgewhlt sein mgen - lsst das Ganze wie ein Lichtermeer vor dem Buckingham Palace nach dem Tod von Lady Di erscheinen.


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