Leibhaftig

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Man mag zweifeln, ob es sich beim Zweifel tatschlich um eine Stimmung handelt und nicht viel eher um eine Haltung, mithin um eine

willentlich und bewusst eingenommene Einstellung.

Whrend Stimmungen meist diffus aufs Gemt ein- und nicht selten hinter unserem Rcken fortwirken, ist ein Akt wie der Zweifel

zweifellos bewusst. Wer zweifelt wei, dass er zweifelt. Ob er auch wei, dass er denkt und ergo ist, wie weiland der notorische

Zweifler Descartes dem hochgelehrten Publikum glauben machen wollte, sei dahingestellt. Klar aber ist: Stimmungen berkommen, ja

berfallen uns, Haltungen nehmen wir ausdrcklich ein.
Aber vielleicht wre das ein Streit um Kaisers Bart. Und man muss nicht gleich mit Heideggers Stimmung als Stimmungskiller

daherkommen, um Idee und Projekt des Textem-Verlags schlicht zu bewundern. Seit 2011 bringt er in unsortierter Reihenfolge in kleinem

Format, aber mit groer Chuzpe die Enzyklopdie Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbnden heraus, wo von A wie Angst oder

Albernheit, ber L wie Laune oder P wie Passivitt ein Alphabet von Stimmungen erscheint, das weniger auf intellektuelle

Begriffskunde zielt als auf die stets riskante Befragung der je eigenen Gegenwart. Verantwortet von Jan-Frederik Bandel und Nora

Sdun, knnte man die Reihe getrost als eine Art Gegengift gegen jene Realittsverkennung lesen, die den befllt, der den Dingen

entweder zu nahe rckt oder ihnen zu fern bleibt.
Erstes wre dem atemlos Umtriebigen geschuldet, letzteres dem sprden Academicus. Wer also Stimmungen anvisiert, braucht vorab ein

Gespr fr den richtigen Abstand und ein Timbre, das verbindlich in der Sache, doch zugleich geschmeidig ist. Auf den Ton kommt es

an. Und den hat Stefan Ripplinger vorzglich getroffen. Sein Essay ber Bildzweifel ist eine blitzgescheite Miniatur ber eine

Attitde, die einnimmt, wer zwischen blinder Idolatrie und blindwtigem Ikonoklasmus eine dritte Position auszumachen sucht. Es gilt,

das Bild und seine Macht ernst zu nehmen, ohne sich ihr negativ, wie der Bilderstrmer, oder positiv, wie der Bildfetischist,

rckhaltlos zu unterwerfen. Bildern wohnt ein Zauber inne, den tckischerweise auch der, der ihn zu brechen begehrt, voraussetzt.

Ihre Macht verdanken sie jenem inneren, auf hnlichkeit gegrndeten Verhltnis, das zwischen Bild und Bildgegenstand am Werk ist, und

das eben nicht, wie etwa beim Zeichen, nurmehr uerlich und arbitrr ist, durch bloe Konvention gestiftet. Bilder machen leibhaftig

gegenwrtig, was leibhaftig nicht gegenwrtig ist. Das ist ihre Magie, ihre Macht. Sie ist geliehen, gewiss, dem Bildgegenstand

geschuldet; nichtsdestotrotz ist sie bengstigend, faszinierend, ebenso diabolisch wie numinos, im vollen Wortsinne: gewaltig. Der

Monotheismus, von Echnaton ber Moses bis zu Jesus, Paulus und Mohammed, wusste genau, mit was er es zu tun hatte.
Was die ersten Menschen der Steinzeit empfanden, als einer der ihren mit Holzkohle und Ru irgendwelche Konturen bei fahlem

Feuerschein an einer Hhlenwand nachzog und pltzlich eine Gestalt erschien? Wir wissen es nicht; auch nicht, ob dieser erste

Zeichner alsbald eine steile Karriere in seiner Sippe hinlegte oder sein Tun womglich gar nicht berlebte. Was wir aber wissen ist,

dass der Mensch, seitdem er als homo pictor ressierte, in einer grundlegenden Gefhlsambivalenz dem Bild gegenber verharrt. Die

Geschichte des Bildes ist auch die Geschichte von Ikonoklasmus und Idolatrie, von Bildersturm und anbetung.
Der Bildzweifel nimmt diese Ambivalenz zwar ernst, entscheidet sie aber nicht, verweigert sich der Eindeutigkeit. Seine Arbeit am

Bild, mit und gegen das Bild zielt auf anderes. Der Bildzweifel, so der Autor, ist sowohl von der Idolatrie als auch vom

Ikonoklasmus kategorisch unterschieden, denn zwar braucht er das Bild, aber nicht, um es zu verehren oder zu vernichten. Er setzt die

beiden Komponenten Abgebildetes und Abbildung , die die Verehrung miteinander verklebt hat, sorgfltig voneinander ab. Er trennt

sie aber nicht vollstndig wie der Bilderstrmer.


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