Aus Nidwalden In Die Welt

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Am Lebensweg des Knstlers Arnold Odermatt ist so ziemlich alles ungewhnlich.

Aus dem ehemaligen Kantonspolizisten im schweizerischen Nidwalden, der Ende der 1940er-Jahre seine Fotografien vom Dienstalltag gegen das Misstrauen von Kollegen und Vorgesetzten durchsetzen musste, wurde ein weltberhmter Fotograf, dessen Werke sich heute in vielen namhaften Sammlungen befinden. Seine Entdeckung erfolgte erst spt drei Jahre nach seiner Pensionierung und durch den eigenen Sohn. Beim Durchsehen der alten Negative auf dem Speicher wusste der Filmemacher Urs Odermatt sofort: Das ist ein groer Fund! Bereits die erste Buchverffentlichung Meine Welt brachte 1993 den Durchbruch, zahlreiche Ausstellungen folgten. 2001 lud ihn Harald Szeemann auf die Biennale von Venedig ein. So avancierte Arnold Odermatt im Alter von ber 70 Jahren mit surrealen Schwarzweifotos von Unfallorten und verbeulten Karosserien (Karambolage) zum Star einer Kunstszene, die gewhnlich fr ihren grassierenden Jugendwahn bekannt ist.

Ein unglubiges Staunen ist Arnold Odermatt heute noch anzumerken: Ich habe die Welt nicht mehr verstanden! Jahrelang hat sich niemand fr meine Bilder interessiert und dann das. In Begleitung seines Sohnes Urs Odermatt ist der 86-jhrige Knstler nach Berlin gekommen, um seine Ausstellung Heimat in der Galerie Buchmann zu erffnen. Inmitten seiner Bilder strahlt der freundliche Herr im grauen Anzug die heitere Gelassenheit eines Menschen aus, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Arnold Odermatt geniet seinen spten Ruhm, den er als Geschenk begreift. Ich habe Glck, ich wei das, sagt der Fotograf lchelnd. Und ihm habe ich alles zu verdanken, stellt er seinen Sohn Urs vor, der das Werk seines Vaters nach und nach in verschiedenen Werkgruppen herausgibt.

Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser zurckhaltende und feinsinnige Mann mit der leisen Stimme einmal als Polizist gearbeitet und mit seiner Rolleiflex die furchtbarsten Unflle dokumentiert hat. Arnold Odermatt besttigt: Ich habe schon gemerkt, dass ich feinfhliger war als meine Kollegen, und wenn etwas Schlimmes passierte, besonders mit Kindern, konnte ich mit niemandem reden. Das Fotografieren das ja eine gewaltige Arbeit war, weil ich alles selbst einrichten musste hat mich davon abgelenkt. Um auszuhalten, was er sah, wenn er am Unfallort eintraf, musste Odermatt das Gesehene bannen und sein eigenes Bild ber das erste Bild des Schreckens legen. Aus diesen Privatfotografien, die Odermatt mit viel Geduld nach dem dienstlichen Bilddokument aufnahm, ist das Grauen bereits getilgt worden. Es sind aufgerumte, meist menschenleere Orte, in denen der Fotograf den verkeilten, zu Schrott gefahrenen Fahrzeugen eine skulpturale Schnheit verleiht. Wenn man Arnold Odermatt zuhrt, begreift man, dass es hierbei auch um die Rettung der eigenen seelischen Unversehrtheit ging. Es sind Bilder, die heilen und befrieden sollten.

Der Wille zum Glauben, dass wieder alles gut werden kann, hat Arnold Odermatt durch ein langes Polizistenleben getragen. Es ist eine Haltung, die, gepaart mit einer sprbaren Liebe zur Natur und zu den Menschen, auch die Werkgruppe Heimat mit Bildern aus den 1950er bis 1970er-Jahren kennzeichnet. In kaum einem anderen Bild tritt dieser Blick auf die Welt so deutlich zutage wie in dem Foto, das Odermatt bei einem Nachteinsatz von einem Oberfrster aufnahm. Erleichtert sitzt dieser im Auto und hlt ein Reh im Arm, das er gerettet hat (Buochs, 1954). Das Blitzlichtfoto erinnert an Weegee, jenen anderen berhmten Tatortfotografen, dessen Zynismus Odermatt nicht teilt.

Die Schwarzweifotos dieser schweizerischsten seiner Serien dokumentieren auch eine Zeitenwende in Odermatts Heimatkanton Nidwalden den Einzug der Moderne in die lndliche Region am Vierwaldstttersee. In prgnanten, sorgfltig komponierten Aufnahmen, die den Einfluss seines Vorbilds, des Magnum-Fotografen Werner Bischof verraten, fngt Odermatt Handwerk und lokales Brauchtum ein. Man sieht Hufschmiede, Falkner und Schuster bei der Arbeit und zwei Senner, die das Heu einbringen. Eine echte Geissenpeter-Idylle zeigt Odermatts eigenen Vater mit Tirolerhut, Pfeife und Wanderstock beim Bergwandern mit Enkel Urs (Wolfenschiessen, 1958).

Dem stehen ebenso viele Fotos gegenber, in denen der Chronist Odermatt in den 1960er-Jahren den Bau der ersten Autobahn in der Schweiz dokumentierte, die mitten durch den vormals nur durch eine Zugbrcke erreichbaren Kanton fhrte. Morgens kamen Horden von Touristen, die um fnf Uhr wieder wegfuhren, dauernd gab es Unflle und Staus. Damals wollten wir die Autobahn, denn so konnte es nicht weitergehen!, erinnert sich Arnold Odermatt. Sein Sohn Urs ergnzt kritisch: Der Ort war eine Sackgasse, man musste auf demselben Weg rausfahren, auf dem man reingekommen war. Die Autobahn hat aus einem Sackgassen-Kanton einen Transitkanton gemacht, das war eine ungeheure Vernderung.


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